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Thema:  Möchtet Ihr mir ein paar Fragen bezügl. Eurer Beziehung zu Musik beantworten? (http://perfektibilistenorden.de/topic.php?id=3783)


Geschrieben von: Hans am: 01.05.10, 10:47:29
Meinen Fragebogen kannst Du identisch wie den von drvaust ausfüllen,
aber ohne die Musiktherapie am Ende.


Geschrieben von: Ringelblume am: 01.05.10, 18:38:09
Also wenn es euch interessiert, würde ich euch gern an den Ergebnissen meiner Arbeit teilhaben lassen. Nur im Moment stehe ich noch ganz am Anfang; habe erst bei drei Therapiestunden mit mehreren Kleinkindern hospitieren dürfen und weiß selbst noch nicht zu welchem Ergebnis ich überhaupt kommen werde, insofern man überhaupt von "Ergebnis" sprechen kann. Diese Arbeit nennt sich eigentlich "Besondere Lernleistung", ist freiwillig neben der Schule zu bearbeiten und geht als Bewertung mit in die Abiturnote ein. Ich habe mich bewusst mit dem Thema der musiktherapeutischen Behandlung von Autisten auseinandersetzen wollen, da ich letztes Jahr als Austauschschülerin in den USA verbracht habe und dort in meiner Gastfamilie einen kleinen, sehr faszinierenden Gastbruder hatte. Er war Autist und liebte Musik über alles! Er hatte ein ganz besonderes Verhältnis dazu; was sich jetzt schwer in ein paar Worten wiedergeben lässt. Aber an ihm habe ich gesehen, wie sehr Menschen positiv durch Musik beeinflusst werden können; und es ist bekannt, dass die meisten Menschen mit Autismus [Laut Forenregeln diskriminierender Begriff] sehr empfänglich für das Medium Musik und meist auch äußerst begabt bezüglich dessen sind. In den USA ist Autismus relativ weit verbreitet; viele meiner Mitmenschen und Freunde waren Autisten, oder fielen zumindest in das Spektrum. Jedenfalls ist durch meine Erfahrungen in diesem Jahr mein Interesse an der Untersuchung der Zusammenhänge von Autisten und ihrer Beziehung zur Musik geweckt worden. Mit dieser Arbeit möchte ich die Ergebnisse, welche ich mit Fragebögen wie diesem; Hospitationen in Musiktherapiestunden; Gesprächen mit Autisten und natürlich mit bereits bestehender Literatur zur Thematik schriftlich festhalten.
Sinn einer musiktherapeutischen Behandlung ist ganz sicher nicht den Autisms zu heilen, zunmal das sowieso nicht möglich ist. Viele Menschen mit Autismus [Laut Forenregeln diskriminierender Begriff] haben Schwierigkeiten im sprachlichen Bereich sowie in allgemeinen Kommunikationsformen. Natürlich sind nicht alle davon betroffen; einige haben es da schwerer als andere. In der Musiktherapie kann ohne Worte ein Kontakt entstehen – ein vorsprachlicher, musikalischer Dialog – der nicht in die übliche Sprache übersetzbar ist, doch aber klaren kommunikativen Inhalt hat und eine Beziehung zwischen Menschen entstehen lässt und diese bereichert.
Durch Musiktherapie ist es möglich, auch zu sehr verschlossenen, nicht mit ihrer Umwelt kommunizierenden Kindern einen Zugang zu finden und einen Weg – vielleicht den ersten – zu Beziehung und Kommunikation zu eröffnen. Im Rhythmus zeigt die Musiktherapie Strukturen, die Ordnung in das Chaos bringen, das Menschen mit Autismus [Laut Forenregeln diskriminierender Begriff] manchmal erleben. Es entsteht eine größere Sicherheit in Zeit und Raum, so dass die Menschen sich zwischen den Ereignissen und Handlungen, die um sie herum, mit und in ihnen geschehen, nicht mehr so verloren fühlen und in der Musik ein Mittel für Ausdruck und Unterstützung finden.
Die Therapie ist also kein Versuch den Autismus zu heilen; sondern eröffnet in manchen Fällen Möglichkeiten für den Betroffenen, besser damit umgehen zu können.

Ich möchte also um Gottes Willen niemanden diskriminieren!


Geschrieben von: 55555 am: 01.05.10, 20:18:46
Zitat von Ringelblume:
Durch Musiktherapie ist es möglich, auch zu sehr verschlossenen, nicht mit ihrer Umwelt kommunizierenden Kindern einen Zugang zu finden und einen Weg – vielleicht den ersten – zu Beziehung und Kommunikation zu eröffnen.

Sowas hatte ich befürchtet. Das was häufig als Autismus verstanden wird ist aber keine feste Persönlichkeitseigenschaft, sondern eine Abwehrreaktion auf für Autisten ungeeignete Lebensbedingungen. Solche "Therapien" suggerieren falsche Ursachen und führen in der Praxis oft dazu, daß Angehörige nicht in erforderlichem Maß nach Problemursachen suchen, am besten unter Einbeziehung anderer Autisten. Dies wieder schadet Autisten und hilft ihnen keinesfalls, weswegen solche Ansätze wie andere Quacksalberei getrachtet werden sollten.

Das richtet sich nicht gegen Beschäftigung mit Musik, nur sollte das nicht als solche "Therapie" für Autisten dargestellt werden.


Geschrieben von: Ringelblume am: 01.05.10, 20:28:39
Ja, das Verschlossenheit eine Abwehrreaktion ist möchte ich gar nicht anzweifeln. Das ist sicher so, nur leider kann man die äußeren Umstände die dazu führen nicht immer ändern. Man kann die Welt nicht ändern; vielleicht nur das engste Umfeld entsprechend dem Kind einstellen. Aber man kann dem autistischen Kind helfen, mit Musik als Medium einen Zugang zum Leben mit diesen schwierigen Bedingunungen zu schaffen, bis es erfolgreich damit umzugehen weiß und sich nicht mehr dagegen wehren muss. Es mag nicht immer klappen, aber es sind doch schon beeindruckende Erfolge mit Musik erzielt worden.


Geschrieben von: 55555 am: 01.05.10, 21:09:37
Wesentliche Probleme lassen sich lösen, insofern bleibt es bei meiner Einschätzung.


Geschrieben von: haggard am: 01.05.10, 21:32:24
viele menschen scheinen davon auszugehen, dass autisten ihr "autistisches" verhalten ganz bewusst so wählen und darstellen würden. also, als wäre "verschlossenheit" eine aktiv ausgesuchte handlung eines autisten, damit andere oder anderes abgewehrt würden.

ich meine, dass vieles gar nicht so aktiv geschieht. insbesondere als kind nicht (wenn ich von mir selbst ausgehe).
meine "verschlossenheit" war ausdruck dessen, dass ich gar nicht verstand, was sprache ist. wenn mich andere ansprachen, hörte ich irgendwelche geräusche - aber was sollte ich damit anfangen?
"verschlossenheit" bestand jedoch auch, wenn ich mich mit meinen interessen beschäftigte. dann war ich nicht ansprechbar.
wenn die welt der menschen nur aus rätseln besteht, die man nicht verstehen kann - wie soll man sich darin zurechtfinden, wenn man nur immer mit dieser welt konfrontiert wird?
"zugang" über musik fanden meine eltern vielleicht. sie spielten etwas vor, ich spielte es nach. aber das war keine kommunikation. damit wurde das unverständliche chaos, diese unverständliche menschenwelt nicht erklärt - und was sprache war, wusste ich dadurch auch nicht. im grunde waren das parallel stattfindende ereignisse, die lediglich den anschein erwecken mochten, als wäre es wechselseitig und mit verstehendem inhalt bestückt. pure töne. sonst nichts. berechenbar und vorhersagbar in ihrer art durch meine handlung. derjenige, der noten vorgab, war nicht von bedeutung. das hätte auch eine münze sein können, die auf eine tischplatte fällt und sich dreht, ehe sie zum erliegen kommt - und ich hätte diese münze immer wieder danach selbst zum drehen gebracht. nichts, wodurch sich auf irgendeine mystische weise irgendwelche tiefen welten offenbaren würden.

es ist so wie mit wellensittichen, denen menschen versuchen das sprechen beizubringen. in den meisten fällen wird das keine kommunikation sein, die dem vogel oder dem menschen die verschiedenen "welten" erklären. der vogel erhält dadurch keine artgenossen und der mensch versteht dadurch nichts vom empfinden des vogels.
der unterschied zu autisten und nichtautisten zu der kombination wellensittich/mensch besteht darin, dass der mensch mittlerweile verstanden hat, dass papageien federrupfen, wenn vor allem deren umwelt-/lebensbedinungen nicht stimmen. wenn autisten ebenso autoaggressiv auf diese sie umgebenden bedingungen reagieren heißt es von "fachleuten", dass es "herausforderndes verhalten" wäre. anstatt umweltbedingungen zu ändern, soll der autist verändert werden. die denke hinkt irgendwie.
daran kann "musiktherapie" nichts ändern.


Geschrieben von: Fundevogel am: 01.05.10, 21:33:29
Ringelblume:

Wie beurteilst du Ordensleute, die sich in Schweigeklöster begeben oder deren hauptsächliche Kommunikation im Gebet besteht?

Ist diese frei gewählte "Verschlossenheit" nicht lebendig?

Ist das keine Form der Teilnahme am Leben?

Wer darf sich anmaßen zu sagen, worin ein Zugang zum Leben besteht?

Stummheit kann sehr beredt sein, Wortschwall sehr nichtssagend.


Geschrieben von: Ringelblume am: 01.05.10, 22:32:59
@azrael:
Dein Beitrag verunsichert mich. Er gefällt mir aber auch sehr! Er lässt alles bisher Vermutete in anderem Licht erscheinen.

@Fundevogel:
Auch ein interessanter Ansatz. Ihr habt alle auf eure Weise Recht! Ich kann das nachvollziehen...mein Gott klar, was ist schon Leben. Wir erleben es alle auf so unterschiedliche Weise...aber irgendjemand kam nuneinmal auf die Idee dieses Wort "Leben" in eine Norm zu pressen. In eine Art Rahmen, in welchem die große Mehrheit einer Lebensform, sei es Mensch, Tier oder Pflanze, lebt. Die Natur hat es so vorgesehen, dass die Lebensbedingungen innerhalb dieses von ihr vorgegebenen Rahmens am besten sind; das ist so und das kann man nicht bestreiten,- siehe natürliche Selektion im Laufe der Evolution. Manche Individuen der Lebensformen fallen nur ein wenig; nicht allzu sehr, aus diesem Rahmen, leben aber dennoch unter den selben Umständen mit den anderen zusammen. Sie mögen im Inneren, vielleicht für die anderen unsichtbar, auch genauso zufrieden sein, jedoch haben sie es im Zusammenleben schwerer. Nun haben sie nicht die Möglichkeit in den Rahmen zu gelangen; die anderen können sich aber auch nicht hinausbewegen. Sie können sich also nur für ein friedliches Mit- und Nebeneinanderleben entscheiden und wenn die Hilfsangebote derer innerhalb des Rahmens, die anderen mit hineinzuholen, nicht als Hilfe gebraucht oder gewünscht werden; dann soll es so sein.


Geschrieben von: feder am: 01.05.10, 23:00:30
Mir ist gerade unklar, ob ich dich tatsächlich verstehe. Wenn du meinst, dass die heute übliche Lebensform besonders natürlich wäre, dann sehe ich das nicht so. Wenn irgendwelche Geräte hochfrequente Geräusche von sich geben oder Radio und/oder Fernsehen laufen und ich mich als Kind nicht genug sortiert bekam, um mich "angemessen" zu beteiligen, dann würde ich das nicht mit einer natürlichen Umgebung in Verbindung bringen wollen. Zusätzlich noch irgendwie zu muskalischer Aktivität gedrängt zu werden und das auch noch zu vorgegebenen Zeitpunkten, unabhängig davon, ob ich gerade Interesse an Musik hatte, hätte meine Probleme wohl nicht gelöst.


Geschrieben von: drvaust am: 02.05.10, 01:14:40
Ich sehe bei der Musiktherapie keinen wesentlichen Nutzen speziell für Autisten.
Musik kann angenehm sein, eine schöne Beschäftigung, sogar eine Berufung. Es ist gut, Menschen mit Musik vertraut zu machen. Aber dazu wird keine Musiktherapie gebraucht, Musikwiedergabe und ein geeignetes Musikinstrument ist anfangs vielleicht besser.
Mit geeigneter Musik kann man sich entspannen oder in Stimmung kommen. Aber das scheint nicht Sinn einer Musiktherapie zu sein.
Wird durch Musiktherapie wirklich die Kommunikation gefördert? Oder wird z.B. nur das unerwünschte stereotype Wippen durch akzeptableres rhythmisches Klopfen auf ein Musikinstrument ersetzt?
Es könnte sein, daß ein Autist durch Musiktherapie Zugang zu Musik findet und Freude daran hat. Aber das hat nichts mit Autismus oder Therapieren zu tun. Vielleicht ist ein musizierender Autist angenehmer als ein stumm beschäftigter.

Zum Herausholen aus der Verschlossenheit ein Beispiel:
Wenn Jemand aus den Tropen ins Polargebiet kommt, wir er sich möglichst in einem warmen Zimmer aufhalten. Er wird möglichst wenig in die unangenehme kalte Umgebung gehen. Den kann man nicht aus dem Zimmer locken, in dem man ständig die Türe aufreißt. Dann wird er eher die Türe abschließen und verrammeln. Um ihn aus dem Zimmer zu locken, sollte man ihn in eine wärmere Gegend bringen. Genauso wenn Jemand aus dem Polargebiet in die Tropen kommt, der wird sich in ein gekühltes Zimmer zurückziehen.

Ringelblume, hast Du spezielle Erkenntnisse zu Musiktherapie und Autisten? Weißt Du von speziellen Wirkungen? Was soll Musiktherapie bei Autisten bewirken?


Geschrieben von: 55555 am: 02.05.10, 10:51:41
Zitat von Ringelblume:
Die Natur hat es so vorgesehen, dass die Lebensbedingungen innerhalb dieses von ihr vorgegebenen Rahmens am besten sind; das ist so und das kann man nicht bestreiten,- siehe natürliche Selektion im Laufe der Evolution. Manche Individuen der Lebensformen fallen nur ein wenig; nicht allzu sehr, aus diesem Rahmen, leben aber dennoch unter den selben Umständen mit den anderen zusammen.

Aus welchem natürlichen Rahmen fallen Autisten denn? Schonmal was von Biodiversität gehört? Die ist ein Stabilitätsfaktor in Ökosystemen, wenn das der Industrialisierung gewöhnte Mensch auch oft nicht begreifen mag.


Geschrieben von: Ringelblume am: 02.05.10, 10:52:39
Ich weiß nicht, warum ihr hier rumdiskutieren wollt. Welche Wirkung Musiktherapie auf Autisten haben KANN habe ich weiter oben bereits beschrieben. Viele haben damit gute Erfahrungen gemacht; anderen hat es nichts gebracht. Ich bin auch nicht hier, um euch zu erklären was Musiktherapie bewirken kann. Dazu gibt es genug Literatur.
Ihr braucht diese Art der Therapie auch nicht in Frage zu stellen; die meisten von euch haben sicher selbst noch nichteinmal Erfarung damit gemacht. Ich habe bereits mit vielen Autisten darüber gesprochen; viele positive Reaktionen erfahren! Mehr bedarf es einer Rechtfertigung meinerseits nicht. Wenn ihr euch nicht als therpiebedürftig seht und deshalb alles grundsätzlich in Frage stellt; schön für euch! Die Diagnose Autismus bewegt sich aber innerhalb eines riesigen Spektrums und es gibt durchaus genug autistische Menschen, die es vielleicht nicht ganz so leicht wie ihr haben und auf Hilfe im Umgang mit anderen angewiesen sind. Und erzählt mir jetzt nicht, soetwas gäbe es nicht; ich habe wie gesagt selbst Menschen getroffen, denen der tägliche Umgang mit anderen mit Hilfe der Musiktherpie erheblich erleichtert wurde und die sich den Verlauf ihres Lebens ohne die Therapie gar nicht vorstllen könnten.
Wenn hier wieder jemand kommt mit "Wozu Therapie?" - Wenn du keine brauchst und so gut zurecht kommtst; toll, freu dich. Andere brauchen sie!

Ich bin gerne offen für jegliche, auch negative Erfahrungen, was Therapie betrifft; aber ich bin nicht hier, um mit euch den Sinn einer Therpie auszudiskutieren. Wenn ihr schlechte Erfahrungen damit gemacht habt; dann her damit! Ich beziehe sie mit Freuden in meine Arbeit ein!