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Autor Nachricht
Zephyr
(Standard)

Gibt es in der Sache Fortschritte? Ich würde mich als Autist gerne im Rahmen meiner Möglichkeiten dafür einsetzen, dass Autismus nicht mehr als Krankheit und/oder Störung klassifiziert wird. Seit etwa 1,5 Jahren bekenne und zeige mich offen anderen Menschen gegenüber als Autist mit der Intention, unwissende Menschen darüber aufzuklären, dass wir auch "selbstständig sein, leben, klar denken, planen, urteilen" können. Manche Menschen reagierten darauf, dass sie nicht gedacht hätten, dass ich Autist sei, aber insgesamt waren sie sehr offen für meinen Vortrag zu diesem Thema.

Mir scheint es so, dass viele nicht-autistische Menschen immer noch das Bild im Kopf haben, dass Autisten geistig behinderte Menschen seien, die nicht sprechen können und keine Gefühle haben. Dass ein Autist ziemlich normal im Rahmen der Neurodiversität sein und auftreten kann, scheint jenen unbekannt zu sein. Daher spreche ich offen mit den Menschen in meinem Umfeld darüber. Natürlich gibt es Autisten, die geistige Störungen aufweisen, ebenso wie es nicht-autistische Menschen gibt, die geistige Störungen aufweisen. Genauso gibt es schwer traumatisierte Autisten, wie es auch schwer traumatisierte Autisten gibt. Ich versuche den Menschen zu verdeutlichen, dass so manches, was man dem Autismus zuschreibt, nichts mit diesem zu tun haben kann, da dies ebenso bei nicht-autistischen Menschen in gleicher oder ähnlicher Form auftritt.

Ich als einzelner Mensch kann einzelne und dafür offene Menschen erreichen und werde dies weiterhin tun. Um einen Wandel zu erzielen, welcher Autismus im Rahmen der natürlichen Neurodiversität anerkennt, benötigt es mehr als nur das, was ich als Einzelner tun kann.

Daher bin ich sehr an dieser Sache interessiert, ebenso am White Unicorn e.V., der mir bis dato unbekannt war. Sofern die Möglichkeit besteht, würde ich über einen direkten Austausch sehr freuen.

23.03.18, 23:02:12
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Zephyr
(Standard)

"Genauso gibt es schwer traumatisierte Autisten, wie es auch schwer traumatisierte Autisten gibt."
Ich meinte:
"Genauso gibt es schwer traumatisierte Autisten, wie es auch schwer traumatisierte Nicht-Autisten gibt."

//Die Bearbeitungsfunktion hier scheint nicht korrekt zu funktionieren.
23.03.18, 23:04:45
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Antares
(White Unicorn)

Möglichkeit besteht. Ich hab Dir jetzt glaub ich übers System eine Mail geschickt. Bin mir aber in der Bedienung des Forums immer nicht so sicher, ob ich alles richtig mache. Das ist wie bei der Editierung im Nachhinein mit ein paar Eigenheiten ausgestattet.
24.03.18, 16:15:29
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Zephyr
(Standard)

geändert von: Zephyr - 26.03.18, 07:53:27

Danke! Die Mail via System habe ich erhalten. Ich werde mich voraussichtlich diese bis nächste Woche schriftlich melden. Ich bitte um Nachsicht, dass ich keinen enger definierten Zeitraum festlegen kann: Kontaktaufnahme kostet Energie und Energie muss ich mir gut einteilen. Zurzeit werde ich neben anderen Dingen besonders von einer hartnäckigen Krankheit geplagt, die mir sehr viel Energie raubt. Solange das anhält, kann ich nur sehr grob voraus planen.
26.03.18, 07:51:59
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Antares
(White Unicorn)

Das sind alles keine Themen die eilen wie Begriffswandel im ICD. Es spielt somit keine Rolle, wann/ob/wie Du Dich meldest und aus welchen Gründen Du das tust oder auch nicht.

Ich bin nur auf die Frage eingegangen, ob direkter Kontakt möglich ist. Das ist er und nun hast Du die Kontaktdaten zu mir persönlich sowie die Möglichkeiten dafür, wir sind aber grundsätzlich über die info@white-unicorn.org / https://white-unicorn.org/?mod=impressum immer erreichbar, nicht nur ich.

Wenn Dir danach ist kannst Du Dich melden und dann kann man so etwas wie Begriffswandel auch gern im direkten Gespräch einmal austauschen. Da das aber eher vor sich hin plätschert eher, der ICD11 erscheint ja gerade erst und vor in Jahrzehnten hier sowieso nichts passiert, frühestens rel. unwahrscheinlicher Weise im ICD12 nach aktuellem Einsatz der Community international... gibt es überhaupt keinen Druck, der hier bestehen würde aus meiner Sicht.
26.03.18, 10:07:39
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Siiri
(Freifliegende)

Ich bin einigermaßen verwirrt. Ein ICD11? Soll das ICF nur ein Parallelsystem dazu sein? Ich dachte es soll das ICD ersetzen?
26.03.18, 14:24:37
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Antares
(White Unicorn)

geändert von: Antares - 26.03.18, 15:09:04

So wie wir hier in der BRD zumindest die ICF anwenden sieht das eher so aus:

- medizinische Gründe (z.B. überdurchschnittlich hohe Wahrnehmung)
- mit Umgebungsgründen (z.B. sensorischem Lärm)

rechtfertigen dann:

-> z.B. Hilfsmittel (Telepräsenz, Assistenzhund, Fernschulmaterial,...)
-> z.B. wegen der daraus resultierenden Barrierelast im Sozialraum

ICD und DSM sind nicht auf Rehabilitationsleistungen wie ICF ausgelegt. ICF ist somit eine Ergänzung für bestimmte Teilbereiche. So zumindest mein Kenntnisstand, wie man es in Verbindung mit dem Bundesteilhabegesetz dann 2020 anwendet in etwa. Da sind sich ja auch noch nicht alle ganz einig. ICD ist nur darauf ausgelegt bei der Krankenkasse "Heilung" zu beantragen so an sich. ICF ist somit ein erster sehr wackeliger Versuch aus dem alten Schema auszubrechen. An vielen Stellen waren die Menschen die daran gearbeitet haben allerdings nicht überragend kreativ, um es freundlich zu formulieren.
26.03.18, 15:02:49
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Siiri
(Freifliegende)

Verstehe.
Habe das bis 2018 aufgestellte ICF gelesen und finde es noch gefährlicher und fast faschistischer als das ICD. Wenn ich so Sachen lese wie: "Dokumentation wie Person Beziehungen beginnt und beendet...." wird mir speiübel. Das erinnert mich an maßgeblich vergangene Zeiten ungeachtet dessen wie angeblich perfekt zugeschnitten und individuell damit jemandem geholfen werden soll. Das sind Dinge die zur menschlichen Intimsphäre gehören und die man unter Vertrauen selbstbestimmt mit Einzelpersonen teilen soll..nicht mit einer Akte, die jeder Sachbearbeiter lesen darf.
26.03.18, 15:23:20
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Antares
(White Unicorn)

Ja, das ist schwierig, weil es alle Lebensbereiche umfasst. Sie waren wie gesagt nicht sehr kreativ. Das Eindringen in den Intimbereich hat man aktuell in allen Einrichtungen, in denen Menschen untergebracht sind. Das Thema Sexualität ist für diese Menschen extrem schwierig. Sie sind ja rund um die Uhr überwacht, immer in einer Einrichtung ein Leben lang. Jeder Atemzug ist überwacht, ständig. Niemals sind sie privat. Sobald ein autistisches Kind z.B. in ein Kinderheim gebracht wird, mit der Rechtfertigung das sei ja super-ultra-inklusiv... ist der neueste Schrei auf dem Markt, dann ist es vorbei mit dem Privatleben. Unter Umständen für immer.
26.03.18, 19:25:43
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Zephyr
(Standard)

Ziel ist die Streichung von Autismus als Störung aus dem ICD. Würden damit nicht die Grundlagen zur Anwendung des ICF bei Autisten wegfallen? Der ICF behandelt zwar nicht explizit Krankheiten, doch beruft und ergänzt er sich offensichtlich auf den ICD, wie ich es hier entnehme: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icf/

Zitat:
Die ICF ist wie die ICD-10 ein Teil der WHO-Familie der Internationalen Klassifikationen. Während die ICD Krankheiten klassifiziert, klassifiziert die ICF die Folgen von Krankheiten in Bezug auf Körperfunktionen, Aktivitäten und Teilhabe.

Die Blickwinkel von ICD-10 und ICF ergänzen sich also. Zusammen liefern sie ein umfassendes Bild von der Gesundheit eines Menschen oder einer Population. Damit schaffen sie eine Grundlage für Entscheidungen über individuelle Rehabilitationsmaßnahmen oder über gesundheitspolitische Maßnahmen.
26.03.18, 21:23:10
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Antares
(White Unicorn)

Wenn man sich auf ICF beruft anstelle von ICD kommt man vom Regen in die Traufe, ja. Der eine Katalog ist für die Krankenkasse (ICD) und der andere Katalog ist für die Rehabilitationsträger etc (ICF).

ICD: Autismus-Spektrum-Störung [Laut Forenregeln diskriminierender Begriff]
ICF: z.B. Störung der Wahrnehmung durch Hyperfunktionalität

Bei beiden geht es um Norm und Funktionalität bez. Leistung innerhalb der Norm. Alle Kataloge, die auf dem Norm-Menschen als Non-Plus-Ultra aufgebaut sind werden automatisch das Selbe Muster aufweisen.

Im Augenblick ist das dem Bismarck-System geschuldet, welches so arbeitet, seit jeher. Die Bewilligung von egal was tut sich somit schwer den Störungsbegriff abzulegen.

Diversity als Ansatz gibt es in noch keinem Buch, weshalb ein Leistungsansprach aufgrund Diversity nicht vorhanden ist in irgend einem Verwaltungsmechanismus. Grundsätzlich besagt sogar die UN-BRK, dass eine Behinderung eine Beeinträchtigung des Menschen vorweisen muss:

"Menschen die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können."

Wobei hier das soziale Behinderungsmodell anwendbar ist, wenn man sagt der Mensch hat diese Beeinträchtigung in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren eben weil er z.B. Neurodivers ist (weder krank noch gestört). Hier sieht das dann so aus:

- Sinnesbeeinträchtigung (z.B. durch eine kontinuierliche sensorische Lärmbelastung)
- durch die Wechselwirkung Sensorischer Lärm - Neurodiversität
- wodurch an Teilhabe behindert wird (z.B. in der Schule)

rechtfertigen dann:

-> z.B. Hilfsmittel (Telepräsenz, Assistenzhund, Fernschulmaterial,...)
-> z.B. wegen der daraus resultierenden Barrierelast im Sozialraum wie z.B. Schule

Ganz astrein ist aber die UN-BRK selbst nicht, denn auch sie sucht nach einer Beeinträchtigung, nach einem Menschen "mit Autismus" - was an sich wieder eine Diskriminierung darstellt. Es müsste korrekter Weise heißen:

Autist - durch Mangel an Universellen Design an Teilhabe behindert
-> Barriereabbau als Selbstverständlich für jedwede Diversität


27.03.18, 09:51:52
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Zephyr
(Standard)

geändert von: Zephyr - 29.03.18, 04:26:45

Die letzten zwei Zeilen deinerseits besagen, worum es eigentlich gehen muss.

Man möge mir verzeihen, dass ich mich mit der Materie bislang eher geringfügig/mäßig befasst habe. Den ICF kannte ich bisher noch gar nicht, die ICD-10 nur soweit für mein eigenes Leben relevant. Dort bemängelte ich bislang nur die mangelnde Differenzierung zwischen den zahlreich verschiedenen Autismus-"Formen", da ich als Beispiel weder unter Asperger-Autismus, noch unter Kanner-Autismus (laut Facharzt und Tests) falle. Obgleich ich frühkindliche Zeichen von Kanner-Autismus in der Kindheit aufwies und später bis heute Zeichen von Asperger-Autismus, bin ich weder vom einen noch vom anderen Typ. Ich bin Autist, das ist mein Wesen, jedoch erfasst der ICD-10 meinen Typus nicht. Dieser ist laut gewissen Test jenem hoch funktionalem Autismus zuordenbar.
Wie im ICD-11 vorgesehen nun alles in einen Topf zu werfen, sprich vom Autismus-Spektrum zu sprechen, erachte ich eher als Rückschritt als als einen Fortschritt, da ich der Ansicht bin, dass immer ein möglichst hoher Grad der Differenzierung angestrebt werden muss, um am Ende zumindest ansatzweise das Wesen eines Individuums entsprechend erfassen und einordnen zu können.


Auf den ICD und ICF bezogen bedeutet das, dass beide Schriftwerke unzureichend sind. Der Aspekt, dass es in diesen Schriften letztendlich nur um die Erfassung von Abweichungen einer von diversen Menschen festgesetzten Norm geht, widerstrebt meiner Auffassung, dass es keine Norm per se gibt, und all jene, die von Menschen festgesetzt werden, viel zu wenig zwischen verschiedenen Menschentypen und -wesensarten differenzieren. Daher ist all das aus meiner Sicht unzureichend.

Im Moment frage ich mich, ob es nicht sinnvoll wäre, eine "eigene" ICF zu schreiben, die im Wesen das umfasst, was deine letzten zwei Zeilen verdeutlichen. Dies ist sicherlich besser, als sich auf den ICF zu berufen und gleichzeitig dessen Probleme zu bemängeln. Ich persönlich lehne jenen ICF, je mehr ich darüber im Kern erfahre, immer mehr ab, da dies nicht dem Kern meines Verständnis entspricht, dass ich als Autist nicht behindert bin, sondern höchstens behindert werde. Die Idee, dass dies eine Störung darstelle, lehnte ich ohnehin schon immer ab, da der Begriff einer Störung sehr aus dem Maschinenwesen geprägt ist, ich jedoch keine Maschine bin, sondern Teil einer biologischen Vielfalt, die für sich alleine gut funktioniert und ebenso in der Gesellschaft gut funktionieren kann, sofern die Umweltbedingungen dies ermöglichen.

Mein persönliches Ziel ist die Aufklärung der Menschen zur Vielfalt und zum rationalem Verhältnis zwischen einzelnen differenziert betrachteten Sachlagen. Mein Denken lehnt es ab, das Leben, den Menschen und dessen verschiedene Wesenstypen zu Normen. Leider weiß ich nicht, wie ich das so in Worte ausdrücken kann, dass es so verstanden wird, wie ich es meine.
Deswegen suche ich den Austausch mit Menschen, die im Kern offenbar das selbe oder ähnliche Ziele verfolgen wie ich. Ebenso beschäftige ich mich mit der Gegenseite, soweit es meine Energiereserven erlauben. Sofern möglich, möchte ich jedoch deutlich kontroverse bis hin emotional ausufernde Diskussionen meiden, da ich dafür nicht die Energie und Kraft habe.

Zusammengefasst sehe ich weder im ICF noch im ICD-11 irgendetwas, was Autisten wirklich im Wesentlichen bzgl. der Anerkennung als ungestörte und unkranke Menschen nützt. Ich lehne daher beide in der aktuell gegebenen Fassung ab, und lehne es ab, mich darauf zu berufen, da jede Berufung darauf eine Zustimmung und Anerkennung dafür bedeutet.

Dies ist meine momentane Ansicht zu der Thematik.
29.03.18, 04:20:57
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