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Autor Nachricht
Alan
(Standard)

Ich habe heute etwas für mich sehr wichtiges herausgefunden. Ich hatte bislang noch nie von dieser Krankheit gehört, die offiziell noch nicht einmal eine ist:
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/72933/Misophonie-Wenn-Alltagsgeraeusche-krank-machen
Zitat:
Newcastle upon Tyne – Menschen mit Misophonie können normale Alltagsgeräusche nicht ertragen. Eine Studie in Current Biology (2016; doi: 10.1016/j.cub.2016.12.048) führt dies auf eine Störung von emotionalen Kontrollmechanismen im Gehirn zurück und gibt der umstrittenen Erkrankung erstmals eine pathophysiologische Basis.

Viele Menschen stört es, wenn ihre Mitmenschen laute Ess- oder Atemgeräuschen von sich geben, ständig mit dem Kugelschreiber klicken oder ihre Fingernägel schneiden. Auch das Klicken von High Heels oder das Schaukeln mit den Beinen kann nerven. Für Menschen mit Misophonie sind die dabei entstehenden Geräusche so unerträglich, dass sie ihre Aggression kaum unterdrücken können.[...]


Insbesondere dieses Detail würde für mich sehr vieles erklären:
https://de.wikipedia.org/wiki/Misophonie
[QUOTE][...]Einige Forscher sagen, dass Misophonie durch klassische Konditionierung an Stelle von einer Anomalie im Gehirn entsteht.[8][9] Eine Konditionierung bedeutet in diesem Kontext, dass die Betroffenen die Geräusche unbewusst mit negativen oder traumatischen Ereignissen verbinden und deswegen sofort extreme Reaktionen aufzeigen, weil sie unbewusst in diese schlechten Situationen zurück versetzt werden.[...][/QUOTE}
Für mich ist es viel wert, dass es jetzt danach aussieht, als wenn mein Alltagsproblem nunmehr zumindest einen Namen hat.

Da in diesem Forum schon davon gesprochen wurde, dass Geräuschsensibilität oft mit Autismus in Verbindung gebracht wird, ist es für die Ursachenermittlung evtl. wichtig von dieser Sache zu wissen.
08.02.17, 17:16:43
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Antares
(White Unicorn)

Für mich bedeutet Misophonie nicht, dass ich krank wäre, wie es in diesem Artikel heißt, sondern dass es wieder einmal Zeit für etwas mehr Ruhe ist.

Schwierig finde ich, wenn das nun einen weiteren Namen der Krankheit bekommt, nur weil man einmal Ruhe braucht... es kann doch nicht ernsthaft gewollt sein, dass die Menschen nie mehr zur Ruhe kommen, denn würden sie sich zurück ziehen, meditieren etc, beruhigen sich die Gehirnarreale ja auch.

Oder man sagt die Therapie davon wäre: Ruhe! Eine leisere Welt, weniger Lärm, weniger Druck/Stress/Leistung. Letztendlich ist es ein Auswuchs der Gesellschaftsform.
09.02.17, 08:33:46
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Alan
(Standard)

Und da muss ich dir sagen, das siehst du falsch. Ganz egal wie erholt oder entspannt ich bin, es gibt Geräusche, die bringen mich unmittelbar zur Raserei, wenn sie auftreten. Diesbezüglich konnte ich auch in der kurzen Zeit feststellen, dass es eine Menge Leute wie mir ging, dass man jahrelang auf genau dieses Unverständnis gestoßen ist.
09.02.17, 12:01:09
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Antares
(White Unicorn)

Klar, aber wenn man diese Geräusche weg lässt, hat man ja seine Ruhe.

Das krank zu nennen finde ich vollständigen Unsinn.

Irgendwann wird es dann eine Studie dazu geben, dass der Mensch Schlaf braucht, wie krank ^^
09.02.17, 16:39:45
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Alan
(Standard)

Das Problem ist, diese Geräusche kann man nicht weglassen, zumindest dann nicht, wenn man einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Auch wenn man in einem Mehrparteienhaus wohnt, ist es praktisch unmöglich dem zu entgehen. Ich habe mir oft gewünscht, ich hätte eine Hütte an einem abgelegenen See, weit weg von allem. Aber das ist Utopie, sofern man nicht über ein großes Vermögen verfügt.
09.02.17, 20:34:46
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Siiri
(Freifliegende)

geändert von: Siiri - 10.02.17, 11:14:44

Ist die Frage: Ist hier die Rede von einem für viele Autist/inn/en ganz normalen HYPERAKUSIS?
Oder ist der hier unbekannt?
Also signifikant lauter Hören, stärker Riechen, stärker Schmecken, stärker fühlen als die Meisten, gehört für mich zu einer ganz normalen autistischen Wahrnehmung.

Wenn diese Sinne sich ins Gegenteil verkehren, ist das eine Abstumpfung als Folge der Hypersensibilität. Das Gehirn entwickelt einen Mechanismus diese Reizempfindlichkeit abzuschirmen, was aber dann dazu führt, dass Warnsignale kaum noch wahrgenommen werden. Daher kommen dann auch die verminderte Ansprache auf Mitmenschen, Schmerz-und Temperaturunempfindlichkeit.

Mein Gehirn hat diese Fähigkeit nicht. Ich habe ständigen Reizüberfluss. Und da muss ich Antares zustimmen; krank bin ich deshalb nicht. Ich bin so. Und weil ich das weiß, lerne ich was ich tun muss um mich zu schützen.

Wer kann denn entscheiden, ob wir Menschen nicht eigentlich dazu da sind, mit dieser Hochsensibilität wahrzunehmen?
Ist das vielleicht eine evolutionäre Folge der Missachtung unserer Umwelt?
Ist es nicht Hohn, zu sagen "Jemand hört zu viel", statt die Sache beim Namen zu nennen? Jede Eigenschaft zu pathologisieren, die noch dazu eigentlich nützlich ist, kann doch irgendwie nicht der Sinn der Sache sein.
10.02.17, 11:14:02
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[55555]
(Administrator)

Dieses Thema wurde bis zu diesem Beitrag von hier ausgelagert, weil der neue Begriff mir einen eigenen Thread wert schien, mfg [55555]
10.02.17, 14:33:55
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Alan
(Standard)

Ich denke in Bezug auf Autismus ist wichtig, dass Misophonie weder in die eine noch in die andere Richtung fehlgedeutet wird. D.h. es wäre weder gut, wenn jemand der unter Misophonie leidet als Autist betrachtet wird, genauso wäre schlecht, wenn ein Autist nicht als solcher erkannt wird sondern angenommen wird, er leidet unter Misophonie.

Meine Erfahrungen mit Misophonie und ich erinnere mich, dies war ein wesentlicher Grund, weshalb ich mich hier angemeldet hatte:
- Wenn jemand Treppen rauf- oder runtergeht,
- Wenn Frauen mit Schuhen mit hohen Absätzen auf hartem Untergrund gehen,
- Wenn jemand in der Etage über mir durch Trittschall hörbar ist,
- Wenn jemand Stühle über den Fußboden rückt,
- Wenn Bohr- oder Hämmergeräusche auftreten,
- Wenn Türen zugeschlagen werden,
- Wenn ich im Fitnessraum bin und andere laut sprechen,
- und insbesondere, wenn diese Dinge sich in kurzen Zyklen wiederholen
MACHT MICH DAS RASEND.
Und ich benutze an dieser Stelle bewusst exzessive Satzzeichen, denn ich meine es genau so, wie ich es schreibe. Ich könnte in solchen Momenten die Verursacher der Geräusche nach allen Regeln der Kunst zusammenschlagen, bin teilweise völlig ausgerastet, habe Dinge zerschlagen und bin unzählige male autoaggressiv geworden.
Besonders schlimm war, dass in meiner Jugend meinem Vater dieses Problem erkannt hatte, wenngleich er nicht die Ursachen kannte UND DIES BEWUSST BENUTZT HAT UM ICH ZU QUÄLEN. Mein Vater hat mich insbesondere in meiner Jugendzeit verachtet und regelmäßig solche Situationen herbeigeführt bzw. sich ganz bewusst völig rücksichtslos verhalten und sich dann stets unwissend gestellt, was mein Problem sei.
10.02.17, 20:19:22
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Siiri
(Freifliegende)

@55555 Danke für's Verschieben =)

@Alan Ja, da bin ich ganz Deiner Ansicht, dass diese Schubladen-Verwechslung nicht stattfinden sollte.
Allerdings geht es mir dabei um den Ansatz, dass diese Schubläden in den Köpfen derer, die nicht reingesteckt werden, meistens nicht ganz verstanden und auch meistens missbraucht werden. Leider sind nach meiner Erfahrung die Menschen so.
Und wir ändern nichts daran, wenn wir nicht anfangen, diese Sprache zu korrigieren. Das heißt in erster Linie, sie nicht zu unterstützen.
Wenn man Pathologisierungen gebraucht, sollte man deshalb darauf achten, auch deutlich zu machen, dass es sich hierbei um ein "Schubladendenken" handelt.

Zum Beispiel, dass es hier im Forum unter diskriminierenden Sprachgebrauch fällt, Jemanden als "Mensch MIT AutismusspektrumsSTÖRUNG" zu bezeichnen. Wobei sich hier gleich zwei Begriffe verstecken, die auf eine bestimmte Haltung ggü. Autist/inn/en hindeuten.

Wenn sowas nicht thematisiert wird, vermehrt man die Pathologisierungen unkontrolliert und am Ende kommen dann so Geschichten dabei heraus wie Impfungsversuche gegen Autismus oder irgendwann Heilung von jedweder Diversität des Lebens.
Deshalb halte ich diese ganze Diagnosenpolitik für gefährlich. Diagnosen können hilfreich sein, wenn die Menschen damit verantwortungsvoll umgehen. Das tun aber die Wenigsten - leider vor allem die wenigsten Mediziner und Laboranten (na und Politiker oder Journalisten schonmal gar nicht).


Wie Du die Misophonie beschreibst, kann ich Dir direkt bescheinigen, dass ich ebenso empfinde. Ich bin auf Grund dessen sogar schon umgezogen. Mein Alltag ist davon bestimmt, solchen Geräuschquellen zu entfliehen.
Ich höre sogar unfreiwillig Telefongespräche einfach mit, ohne dass Der/Diejenige den Lautsprecher an hat und ohne dass die/der am anderen Ende in den Hörer schreit.
Meine Wohnqualität hängt durchgängig vom Verhalten der Nachbarn ab. Und das betrifft ALLE Geräusche, sowie solche, die ich als besonders schmerzhaft empfinde. Auch die damit verbundenen Aggressionen kenne ich gut.

Natürlich ist so ein Verhalten wie das Deines Vaters grausam. Sowas zählt einfach zu den Dingen, die man als ein guter Mensch nicht tut. Das ist gewalttätig und das tut mir leid, dass Du sowas erleben musstest.
Ich habe es auch schon erlebt, dass Leute mein Hellhörigsein lustig finden und sich dann einen Spaß daraus machen. Aber nicht ganz so sadistisch, sondern eher aus Dummheit.

Es ist doch hier die Frage: Warum denkst Du, dass Du derjenige "mit Störung" oder "der Aggressive" bist. In erster Linie "wurdest Du gestört". Und ist es nicht ein aggressiver Akt, in einem Umfeld, wo andere Menschen sind, unkontrolliert Krach zu verbreiten?
Was ich damit meine, ist die Frage der Definition von Krankheit und/oder Behandlungsbedürftigkeit.
Ich finde, das ist eine wichtige Frage.
Müssen wir vielleicht unsere Umwelt behandeln?

11.02.17, 10:19:24
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Antares
(White Unicorn)

"Zitat Siiri: Müssen wir vielleicht unsere Umwelt behandeln?"

Wir haben in gewisser Weise sogar den Auftrag unsere Umwelt mit einem "Universellen Design" bereichern ^^ laut UN-Behindertenrechtskonvention, nach dem Sozialen Behinderungsmodell ist das eine Umgebungsgestaltung, welche solche wie von Alan beschriebenen Grausamkeiten auch untersagt, v.a. wenn man sie in Bezug zur UN-Menscherechtskonvention setzt.
11.02.17, 10:40:30
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Siiri
(Freifliegende)

geändert von: Siiri - 11.02.17, 11:06:44

@55555 Oh nein, Moment....wurde ja nicht verschoben, sondern von einem anderen Thread abgeleitet. War das jetzt richtig hier zu posten?

@Antares Sehr richtig. Wir sind Diejenigen, die das durchführen müssen. Sonst tut es Keiner. Wenn wir darauf warten, dass die Mehrheit ihre Stimme erhebt, ihre Sprache und ihr Verhalten ändert, können wir unsere Rechte gleich beerdigen.
Es bringt auch nichts auf irgendwelchen bürokratischen Wegen zu versuchen, sogenannte gesetzliche Richtlinien durchzukloppen. Da reibt man sich nur dran ab und das ist ja zum Teil auch so gewollt.
Dieser Verwaltungsapparat ist darauf ausgelegt, die Aufbegehrenden mundtot zu machen.
Menschenrechte muss man ausüben, sonst sind sie wertlos.

Es ist wichtig, dass wir im Hier und Jetzt selbst verantwortungsvoll mit uns, unserer Sprache und Umwelt umgehen. Andere so behandeln, wie wir auch behandelt werden wollen und auch zeigen, wenn wir etwas nicht wollen. Das ist das Schwierigste überhaupt, denn man muss mutig sein und Barrieren durchbrechen - entgegen jeder Erwartung.
11.02.17, 11:02:43
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55555
(Fettnäpfchendetektor)

Allgemein ist es so, daß Menschen Geräusche abhängig von ihrer Einstellung zu ihnen wahrnehmen. Wenn jemand z.B. aus irgendeinem Grund die Haltung hat Straßenverkehr als lästig und schädlich zu empfinden, dann nimmt er solchen subjektiv viel lauter wahr. Der Mensch hat die Fähigkeit sich z.B. gegen Gefahren durch Raubtiere dadurch zu sensibilisieren. Tragisch ist nun, wenn ein Mensch sich auf bestimmte Geräusche in der Art fixiert, aber keine Flucht folgt. Möglich wäre auch daß manche Geräusche wie Trigger aufgrund irgendwelcher Erlebnisse wirken. Allgemein würde ich mich in der Situation fragen, wie es dazu kommt, daß von mir so sensibel auf diese bestimmten Geräusche reagiert wird. Und ich denke schon auch, daß das etwas mit innerer Unausgeglichenkeit zu tun haben könnte, auch wenn gemeint wird man sei gerade ausgeruht. Viele Menschen sind nie ausgeruht, nur mehr oder weniger unausgeruht und innerlich verspannt.

Mancherorts steckt man Eltern ins Gefängnis, die ihre Kinder aus ideellen Gründen nicht zum Arzt bringen. Anderswo schützt man fremde Kulturen mittels Strafen vor Kontakt und Einmischung.
11.02.17, 12:22:07
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